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Eigene Betrachtungen zur Feldenkraismethode

... auch die beste Brille verhindert nicht, dass jemand die wichtigsten Dinge übersieht, wenn er unaufmerksam ist. Und viele Geräusche können überhört werden, weil sie vom Bewusstsein nicht wahrgenommen werden. Es nützt wenig, einen Sinn zu verbessern, solange ein Mensch nicht über die Bewusstheit seiner Sinne verfügt. Bewusstheit erwerben braucht Zeit, wie alles Lernen. Es braucht die Bereitschaft, Fehler zuzulassen und daraus neues zu lernen. Sich selber in Frage stellen, um neue Standpunkte und Sichtweisen ausprobieren zu können. Lernen ist so betrachtet eine Entwicklung und dauert ein Leben lang. Wer sich mit der Feldenkraismethode beschäftigt, lernt nicht eine neue Bewegungstechnik, sondern eine neue Denkweise. Er/sie lernt zu lernen.

Konkret hilft die Feldenkraismethode den Menschen, sich mit mehr Leichtigkeit auf dem Erdboden zu bewegen. Die Kriterien, deren sie sich bedient, sind

  1. Die Schwerkraft, der wir aufunserem Planeten dauernd ausgesetzt sind, und die auf den Erdmittelpunkt hingerichtet ist.
  2. Die Erdoberfläche, die, so uneben sie auch sein mag, alles, was von der Schwerkraft angezogen wird, auffängt und stützt.
  3. Das menschliche Skelett, das(wie dasjenige aller Landtiere) als eine beinahe selbsttragende Struktur auf der Erdoberfläche im Gleichgewicht stehen kann. Befände sich das Skelett in einem stabilen Gleichgewicht, beispielsweise wie ein Quader, so könnten sich die Individuen nicht fortbewegen. Wäre das Gleichgewicht zu labil, würden die Individuen hinfallen oder sich zufällig in einer Richtung bewegen, die von der Beschaffenheit der Erdoberfläche vorgegeben wird. Eine Kugel rollt in beliebige Richtungen, ein Zylinder um seine Achse.
  4. Die Muskulatur, die den „Motor“ bildet, der das Gleichgewicht des Skeletts regulieren, das heisst, anpassen, verlieren oder auch wiedergewinnen kann.
  5. Das Zentralnervensystem steuert die Einheit Skelett-Muskulatur. Es sorgt, je nach seinem Entwicklungsniveau, dafür, dass sich Individuen auf möglichst ökonomische Weise autonom in die von ihnen gewählten Richtungen bewegen können. Das Nervensystem orientiert sich bei seinen Entscheidungen an einem Wahrnehmungssystem. Es kann über die Sinnesorgane die Umwelt und die in ihr stattfindenden Ereignisse erfassen. Es verfügt jedoch auch über köpereigenen Wahrnehmungsorgane, die es in jedem Moment über seine eigene Position im Raum orientieren.

Die Evolution hat dafür gesorgt, dass Individuen, die über die Fähigkeit verfügen, sich in möglichst viele Richtungen zu bewegen zu können, die besten Ueberlebenschancen haben. Individuen, die sich nur nach vorne bewegen können, sind in einer Situation, die eine Fluchtreaktion opportun erscheinen lässt, entscheidend benachteiligt, da sie sich direkt auf den bedrohenden Feind zu bewegen. Die Vielfalt der Bewegungsrichtungen bedarf jedoch eines Skeletts, das seine Stabilität gegenüber dem Boden rasch verlassen und wiedergewinnen kann. Es muss also in sich selber beweglich sein, obwohl es aus einem Material, Knochen, besteht, dessen Elastizität recht gering ist.

Die Natur hat dieses Problem mit der Entwicklung von Gelenken gelöst. Doch Gelenke können ihre Funktion, das Gleichgewicht verlieren und wieder gewinnen, nur wahrnehmen, wenn sie von den Muskeln geführt werden. Und um die Muskulatur zu steuern, ist ein System, unser zentrales Nervensystem, nötig, das in jedem Moment das Gleichgewicht wahrnimmt und es über Impulse an die Muskeln so verlieren und wiedergewinnen lässt, dass sich das Individuum in die gewünschten Richtung bewegen kann. Aus dieser Sicht betrachtet, ist Gehen ein ständiges Verlieren und Wiedergewinnen des Gleichgewichts, indem der Schwerpunkt des Körpers nach vorne fällt, es stellt sich jedoch bei jedem Schritt ein Bein exakt unter den Körper, um das Gleichgewicht wieder aufzufangen. Der Mensch bewegt sich so mit minimaler Energie und steuert seine Richtung. Je weniger Muskelkraft zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts aufgewendet wird, umso präziser kann sein ZNS dieses Gleichgewicht auch wahrnehmen und umso sicherer steht ein Individuum auf seinem Skelett. Blockiert ein Individuum seine Gelenke durch Muskelkraft, so kann das ZNS die minimalen Bewegungen in den Gelenken und somit auch sein Gleichgewicht nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn anpassen. So ein Individuum steht dann wie ein Steinblock in der Landschaft.

Damit der Organismus sich in alle Richtungen bewegen kann, muss sein Skelett mit seinen Gelenken so gebaut sein, dass möglichst rasche Richtungsänderungen entsprechend den physikalischen Gesetzmässigkeiten unseres Planeten erlaubt sind, also vorwärts, rückwärts, seitwärts, schräg, aufwärts, abwärts und auch das Drehen um die eigene Achse. In der Fähigkeit zur Drehbewegung um die eigene Achse zeichnet sich der Mensch als überlegen über alle anderen Landtiere aus. Sie gelingt uns Menschen besser dank unserer Entwicklung zum aufrechten Gang, der uns zu anderen Vorteilen, wie Freiheit der oberen Extremitäten und Entwicklung der Sprache geführt hat.

Das ZNS hat aber die Fähigkeit, neben der Wahrnehmung des Körpers auch die Umwelt und ihre Bedingungen zu registrieren. Neben den Proprioceptoren, das sind die Organe, die von den Gelenken aus Signale über die Position des Skeletts im Raum ans ZNS senden, verfügt es auch über Teleceptoren, das sind unsere Sinnesorgane, die Augen, die Ohren, der Geruch- und der Geschmacks- und auch der Tastsinn. Ueber alle diese Informationen ist das ZNS in der Lage, den Organismus auf der Erde im Sinne des bestmöglichsten Ueberlebens zu führen.

Je nach Umweltbedingungen, die sich im Verlauf der Evolution verändert haben, sind auch Anpassungen am Skelett der Individuen erfolgt, die dem bestmöglichen Ueberleben der Spezies dienen. Schneehasen brauchen sprunggewaltige Beine, die ihnen ihr Fortkommen im tiefen Schnee ermöglichen, Affen brauchen handartige Füsse, die ihnen helfen, sich gewandt im Geäst der Bäume bewegen. Raubkatzen und auch ihre Beutetiere haben ihre Beine „verlängert“, indem sie sich auf die Zehen gestellt haben, um dank längerer Hebel ihrer Beine eine grössere Schnelligkeit und bessere Sprungkraft zu erreichen.

Das Gleichgewicht im aufrechten Gang auszubalancieren, bedingt höhere Anforderungen ans ZNS, dass sich weiter entwickeln musste, um diesen komplizierteren Aufgaben gerecht zu werden. Es ist naheliegend, dass Individuen dank höher entwickeltem ZNS ihr Ueberleben durch flexiblere Anpassung an die Umwelt besser sichern können, als lediglich durch die Verbesserung ihrer artspezifischen Qualitäten, die nur bei gleichleibenden Umweltbedingungen Vorteile bringen.

Bei den Tieren werden die Lebensvorgänge von den Instinkten gesteuert, das sind im ZNS festgelegte präzise Handlungsabläufe, die bei gegebenen Situationen ausgelöst werden und dann unwiderruflich ablaufen. Tiere, deren Bewegungsabläufe den Anforderungen ihrer Umweltsbedingungen am besten am besten gerecht werden, haben die besten Ueberlebenschancen. Veränderungen der Bewegungsabläufe geschehen langsam, durch Genmutationen. Hat ein Tier das Glück, dass sein Verhalten in der Umwelt durch eine Genmutation verbessert wird, sind seine Ueberlebenschancen verbessert, und es wird andere, weniger begünstigte Individuen verdrängen. Rasche Veränderungen der Umweltbedingungen können jedoch durch Genmutationen nicht genügend schnell ausgeglichen werden. Naturkatastrophen können zum Aussterben ganzer Arten führen, schaffen aber umgekehrt auch wieder Platz für das Entstehen neuer Arten.

Irgendwann vor etwa 50000 Jahren hat sich im ZNS der höheren Primaten eine neue Eigenschaft, das Bewusstsein entwickelt. Diese Eigenschaft, die sich im Verlauf der Jahrtausende ständig verfeinerte, ermöglichte es den ersten „menschlichen Primaten“ ihre Handlungen bewusst wahrzunehmen, sich ihrer zu erinnern und darüber zu reflektieren. Damit war die Voraussetzung geschaffen, Handlungen auch unabhängig von den Instinkten, gesteuert vom freien Willen auszuführen. Menschen begannen, selber zu entscheiden, ob eine Handlung durchgeführt, unterlassen, abgeändert oder abgebrochen wurde. Das brachte den Vorteil, dass der Mensch sich auch rascher ändernden Umweltbedingungen anpassen kann. Sein Ueberleben wurde zunehmend unabhängig von der Steuerung seines Verhaltens durch die Instinkte.

Doch unsere Instinkte sind nicht gänzlich abgestorben. Sie sind uns weiterhin nützlich, denn verschiedene überlebenswichtige Handlungen müssen in einem Tempo ablaufen, das keine Reflexionen erlaubt. Die Schnelligkeit dieser Handlungen kann oder muss so hoch sein, dass sie vom Bewusstsein oft erst nach ihrem Ablauf registriert werden. Die Zentren im ZNS, die die Instinkte steuern, sind in entwicklungsgeschichtlich alten Teilen des Gehirns lokalisiert., im Mittelhirn, wo viele automatisch ablaufende Handlungen gesteuert werden. Der typisch menschliche Teil des Gehirns, der Neocortex, kann aber neben äusseren Einflüssen und Körperwahrnehmungen auch Abläufe der instinktiven Handlungen wahrnehmen. Diese letzteren Wahrnehmungen kennen wir auch als Emotionen, Gefühlsregungen. Wir können sogar wahrnehmen, wie uns diese Emotionen steuern, ohne dass wir Einfluss auf sie nehmen können. Manchmal gelingt es uns, sie zu unterdrücken und in anderen Situationen zieht es unser Bewusstsein vor, sie zu verdrängen, wohl in der Absicht, dass ihre Wahrnehmung zum Schaden des betreffenden Individuums führen könnte.

Wie geschieht die „Wahrnehmung“ der Instinkthandlungen? Diese Handlungen laufen über Muskelaktionen ab, die als Muster in unserem ZNS gespeichert sind. Das Bewusstsein ermöglicht uns, diese Muskelaktionen als Emotionen wahrzunehmen. Beispielsweise führt Angst zum Zusammenziehen der Beugemuskeln, um unserer potentiellen Gefahr eine möglichst kleine Oberfläche darzubieten. Es gibt nun aber Situationen, die in uns zwar Angst auslösen, doch mit unserem Denken sind wir in der Lage, die Angst zu reflektieren und eventuell zum Schluss zu kommen, dass sie unbegründet ist. Doch die Instinkthandlung läuft schneller ab als unser Denken. Wir erleben eine Konfliktsituation: wir spüren die Emotion Angst, die als solch schon unser Verhalten steuert und wir denken, während wir uns schon im Verhaltensmuster „Angst“ befinden.

Unser Denken kann aber im Verhaltensmuster Angst nicht so frei sein, wie wenn wir uns emotional neutral fühlen. Nicht jede Situation, die Angst auslöst, ist jedoch gleich bedrohlich. Unser Problem besteht nun darin, dass wir in einem Zustand, der durch Emotionen zur Einschränkung des freien Willens führt, über die Angst nachdenken, um unser Verhalten zu wählen. In lebensbedrohlichen Situationen wäre es wohl besser, nicht nachzudenken und unserem System die Steuerung zu überlassen. Können wir eine reale Gefahr sofort ausschliessen, ist es uns wohl auch mühelos möglich, aus dem Angstmuster herauszukommen. Kritisch wird es, wenn wir die Gefahrensituation nicht mehr bewerten können und uns zu einem Verhalten entschliessen müssen, das weder unser emotionales Empfinden noch das Denken befriedigt. Wir geraten in Gefahr, inadäquat zu reagieren, vielleicht verdrängen wir eine berechtigte Angst oder handeln überängstlich, um nur zwei Extrembeispiele zu erwähnen.

Unser heutiges Leben findet also ständig in einem Dialog zwischen Entscheidungen des freien Willens und emotional gesteuerten Handlungen statt. Vielleicht liegt der Sinn des Lebens darin, sich möglichst glücklich in diesem Spannungsfeld zu bewegen. Obwohl unter den gegebenen Bedingungen Konfliktsituationen vorprogrammiert sind, könnten wir Menschen versuchen, eine Gelassenheit zu erreichen, die uns erlaubt, zu erkennen, wann wir uns auf unsere Emotionen und wann auf unseren freien Willen verlassen können.

Unser Verhalten ist geprägt von den anatomisch-physiologischen Voraussetzungen, entsprechend dem Stand unserer Evolution. Aber auch von unseren sozialen Interaktionen. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er in einem Kulturkreis lebt, umgeben von anderen Menschen, Partnern, Familienangehörigen, Freunden, Arbeitskollegen, Vorgesetzten, Untergebenen.

Wir orientieren uns ständig in unserem Umfeld und sammeln Erfahrungen, die unser Verhalten lenken. Gewohnheiten erleichtern unser Verhalten, wir lernen, wie wir uns zu bewegen haben, um unseren Platz in der Gesellschaft zu haben. Gewohnheiten halten uns auch ab von Veränderungen. Gewohnheiten geben Sicherheiten, Veränderungen sind Schritte ins Unbekannte. Dies gilt für einzelne Individuen wie für ganze Gesellschaften. Negative Erfahrungen hindern uns, den vollen Spielraum unserer Möglichkeiten auszunützen. Es kommt sogar vor, dass wir auf Fähigkeiten und Fertigkeiten verzichten und sie vergessen oder verdrängen, wenn wir dadurch unsere Position im uns gewohnten Umfeld gefährdet sehen. Dies gilt auch für das Wahrnehmen der Fähigkeiten unseres Bewegungsapparates. Bewegungsmuster, die wir uns im Verlauf unseres Lebens durch unterschiedlich tiefgreifende Erfahrungen angeeignet haben, sind so stark, dass sie andere Bewegungen, die uns in unterschiedlichen Momenten dienlich sein könnten verhindern. Ganze Körperregionen, die wir nicht oder nicht mehr benützen, um unser Gleichgewicht und unseren ganzen Bewegungsspielraum wahrzunehmen, gehen dem Bewusstsein verloren und werden somit aus unseren Bewegungsabläufen ausgeschaltet.

Ein eindrückliches Beispiel ist das „Bewegungsmuster“ der Angst, das unsere Beugemuskeln anspannt und somit unsere Gleichgewichtsempfindung, für die frei spielende Muskelsysteme unabdingbar sind, verunmöglichen. Oft wird unser Brustkorb starr gehalten und steht uns für die Atmung, aber auch für freie Bewegungen nicht mehr zu Verfügung. Das Nichtbewegen des Brustkorbs wird nach und nach nicht mehr wahrgenommen, da das ZNS für die Wahrnehmung auf Impulse des kinästhetischen Systems angewiesen ist. Somit wird die Muskelaktion des Angstmusters nicht mehr wahrgenommen und damit verschwindet auch die Emotion der Angst selber. Viele Menschen bewegen sich innerhalb der Möglichkeiten ihres Angstmusters, empfinden aber keine Angst. Falls ihre asymmetrische Muskelbeanspruchung nicht zu einem schmerzhaften Zustand führt, haben sie auch kaum einen Grund, etwas an ihrem Verhalten zu ändern.

An diesem Punkt kann die Feldenkraismethode ansetzen:

Während den Feldenkraislektionen kann den Klienten der Gebrauch oder eben Nichtgebrauch ihres Bewegungsapparates klargemacht werden. Sie lernen, das Gewicht ihrer einzelnen Köperteile wahrzunehmen, den Umfang und Ablauf ihrer Gelenksbewegungen zu erfahren und den Aufwand an Muskelkraft präziser zu dosieren. So haben beispielsweise Rückenschmerzen keinen Grund mehr aufzutreten, wenn der Klient lernt, seine Wirbelsäule im Schwerefeld auszubalancieren. Die Methode dient vorwiegend der Verbesserung des Bewegungssinns. Dies ist etwas komplizierter als die Verbesserung des Sehens oder des Hörens. Diese Sinne können mit Hilfsmitteln verbessert werden. Es gibt jedoch keine „Fühlbrille“, oder entsprechend einem Hörrohr ein „Spürrohr“. Es geht bei der Feldenkraismethode nicht um die Verbesserung des Bewegungssinnes als solchen, sondern um das Verschärfen der Aufmerksamkeit auf die Bewegungen.

Auch die beste Brille verhindert nicht, dass jemand die wichtigsten Dinge übersieht, wenn er unaufmerksam ist. Und viele Geräusche können überhört werden, weil sie vom Bewusstsein nicht wahrgenommen werden. Es geht also nicht darum, einen Sinn als solchen zu verbessern, sondern die Bewusstheit für den Sinn. Dies braucht Zeit, wie alles Lernen. Es braucht die Bereitschaft, Fehler zuzulassen und daraus neues zu lernen. Sich selber in Frage stellen, um neue Standpunkte und Sichtweisen ausprobieren zu können. Lernen ist so betrachtet eine Entwicklung und dauert ein Leben lang. Wer sich mit der Feldenkraismethode beschäftigt, lernt nicht eine neue Bewegungstechnik, sondern eine neue Denkweise. Er/sie lernt zu lernen.